Über Hartz IV und die WM 2006

Der Grundgedanke, man findet schon Arbeit, wenn man nur welche sucht, stammt vermutlich aus den Wirtschaftswunderjahren, als die Arbeit tatsächlich auf der Strasse lag, weil produziert und aufgebaut werden musste. Die Leute wollten kaufen, also mussten sie auch Geld verdienen. Eine klare Sache. Heute ist das anders.

Arbeitslos zu sein ist keine Schande mehr, sondern ein Schreckgespenst, das uns alle betrifft und bedroht. Wessen Arbeitsplatz ist noch sicher? Wer weiß, ob seine Firma im nächsten Jahr die Arbeitsplätze ins Ausland verlegt, weil die Leute da für die Hälfte arbeiten und die Miete nur die Hälfte kostet? Oder der Betrieb pleite geht, weil die Kunden kein Geld zum Zahlen haben und selbst nichts mehr verdienen? Und dann? Ein Jahr Zeit, einen neuen Job zu finden, bevor Hartz IV zuschlägt. Und du bist nicht mehr für dein Leben zuständig.

Wie um alles in der Welt kann ein Politiker auf den Gedanken kommen, jemanden aus seinem Haus zu werfen, weil er zu viele Quadratmeter bewohnt? Sind wir Hühner in der Legebatterie? Was geht es den Staat an, ob ein Paar zusammenlebt oder nicht? Wie können sie es wagen, Wohnungen zu kontrollieren und in Schränke zu gucken? Wie kann man Menschen zwingen, eine Arbeit anzunehmen, die sie hassen, in einer Firma, in der sie nicht klarkommen, Hauptsache, sie sind aus der Statistik? Wie kann man Menschen verurteilen, für einen Euro in der Stunde zu arbeiten, während gleichzeitig sich Politiker stillschweigend Diätenerhöhungen genehmigen? Wie können sie mit Milliarden jonglieren, während die Bürger in 10-, 20-, 50-Euro-Etappen rechnen müssen?

Ich habe letztes Jahr die CDU gewählt. Ich wünschte, ich hätte es gelassen. Es hätte zwar nichts an der Großen Koalition geändert, aber ich wäre meiner sozialdemokratischen Herkunft wenigstens treu geblieben.

 Was die Politik aus den Menschen dieses Landes macht und gemacht hat, erschüttert mich zutiefst. Wir sehen nicht mehr hoffnungsvoll in die Zukunft, sondern ängstlich. Kleine Menschen, die Angst haben, ob ihr Geld für morgen und für ihr Alter reicht, ob sie ein Dach über dem Kopf haben und ob sie für ihre Familien sorgen können. Man hat uns die Sicherheit genommen, das Vertrauen, wie geprügelten Hunden.

Wir sind Duckmäuser geworden - wo in anderen Ländern die Bürger auf die Barrikaden gehen und Steine fliegen, nehmen wir geduldig hin. Beispiel: Als in Frankreich das Gesetz verabschiedet werden sollte, dass junge Arbeitnehmer zwei Jahre keinen Kündigungsschutz haben sollten, brannten Autos. In Deutschland war ein ganz ähnliches Gesetz geplant - und niemand ging auf die Straße. Wie kommt es, dass die Leute bereit sind, gegen Atomtransporte zu protestieren, aber nicht gegen Gesetze, die den Einzelnen noch ein Stückchen mehr in die Knie zwingen?

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Ein Nagel zum Sarg der Deutschen ist der Werbeslogan eines bekannten Elektromarktes. "Geiz ist geil", behauptet er und suggeriert, dass es dringend angeraten ist, seine Kohle beisammen zu halten - wer weiß, ob man morgen noch welche hat. Kaum zu glauben, welche Folgen diese simple Werbung auf unser Land hatte: In TV-Sendungen wird uns gezeigt, wie man Häuser selbst baut und Gärten anlegt, alles selber macht, damit man sparen kann und das Geld nicht für Handwerker ausgibt. Feilschen, Umtauschen und der Einkauf in Discountern und Schnäppchenmärkten ist plötzlich en vogue - als könnte man stolz darauf sein, an der Armutsgrenze zu leben, seine Kinder in Kleider von der Wohlfahrt zu stecken und so billig wie möglich zu ernähren - egal, dass der Bauer bei jeder Milchtüte draufzahlt. Mit Entsetzen erinnere ich mich an eine Mutter, die ihrem kleinen Jungen beibrachte, in Parks und auf der Straße Pfandflaschen zu sammeln - und sie war auch noch stolz auf die paar Cent... nicht froh, sondern stolz. Wie kann man sein Kind dazu anhalten, im Müll anderer Leute zu wühlen?

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Diese WM war ein Pflaster auf die Wunden Deutschlands, das liebevolle Trösten der verletzten Seele einer ganzen Bevölkerung, der verheißungsvolle Zuspruch "Wird schon wieder gut". Wir konnten Schulter an Schulter mit den Anhängern anderer Nationalmannschaften stehen, Gleiche unter Gleichen, Freude zeigen und Freude genießen. Wir zeigten unseren Gästen unser strahlendstes Lächeln, breiteten die Arme aus und sagten: "Seht, wie schön unser Land ist. Kommt und feiert mit uns."

Der Gewinn der Weltmeisterschaft wäre nur ein i-Tüpfelchen gewesen, ein Sahnehäubchen. Viel wichtiger ist die unendliche Freude, die diese WM uns bereitet hat. Niemand hat erwartet, dass es so schön werden würde, und dass unsere Jungs so weit gekommen sind und so sehr gekämpft haben, hat die Freude nur noch verstärkt. Hoffentlich begreifen Lehmann, Podolski, Klose, Odonkor und die anderen, wie wertvoll ihr Einsatz bei dieser WM für ihr Land war - nicht nur der sportliche. Sie haben uns gezeigt, dass wir kämpfen können, wenn wir nur wissen, wofür. Es scheint, als haben manche von uns den Kampf längst aufgegeben, sich ergeben, und das darf nicht sein. 

Steht auf, wenn Ihr Deutsche seid.
Adelheid, am Montag, den 26. Juli 2010
 
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